Yiddish Wo:men
Eine andere Geschichte der Moderne

Worum geht es beim diesjährigen Thema?

Seit den Anfängen des Jiddischen im Mittelalter haben Frauen die jiddische Kultur geprägt. Durch die Jahrhunderte waren ihre Vorlieben, Interessen und Bedürfnisse stets Motoren der Entwicklung. Veränderungen geschahen Frauen nicht einfach, sie selbst waren treibende Kräfte, die jiddische Kultur in die Moderne führten. Doch wie wir alle wissen, wurden ihre Leistungen und Talente oft weder gewürdigt noch anerkannt. Vielmehr wurden sie aus der Geschichte ausgeblendet.

Nobelpreisträger Isaak Bashevis Singer und sein Bruder Israel Joshua Singer schreiben, ihre Mutter Bas Szewa Zylberman hätte die weltliche Moderne durch die Lektüre jiddischer Übersetzungen der Weltliteratur in ihr Zuhause gebracht. Plötzlich seien Themen wie „Liebe“ oder „die Bedürfnisse von Frauen“ überhaupt erst relevant geworden. Tatsächlich hatten jedoch jiddisch-lesende Frauen bereits seit dem Mittelalter durch Übersetzungen und Bearbeitungen Zugang zur Literatur der Welt. Bas Szewa Zylberman war also weder eine Ausnahmeerscheinung noch etwas grundlegend Neues. Vielmehr stand sie in einer langen Tradition kultureller Übersetzung, Vermittlung und Praxis.

Die Klage über „Frauen und das Buch“ war zur Zeit der Singer-Geschwister bereits Jahrhunderte alt. Jüdische Autoritäten versuchten immer wieder, Frauen Grenzen zu setzen. Sie verboten Bücher, untersagten öffentliches Singen und beanstandeten zahlreiche Lieder, bestimmte Melodien sowie das gemeinsame Tanzen von Frauen und Männern – vergeblich. Woher wissen wir das? Weil sich die Verbote und Beschwerden immer wieder wiederholten.

Der Yiddish Summer Weimar 2026 verbindet in seinen diesjährigen Projekten, Workshops, Vorträgen und Geschichten die Lebenswelten jiddischsprachiger Frauen vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Gemeinsam werden wir Frauen nicht nur als Trägerinnen von Kultur entdecken, sondern auch als Akteurinnen des Wandels.

Wenn man den Titel liest, fragt man sich vielleicht: Warum „Yiddish Wo:men“? 

Weil „Jiddisch“ mehr ist als nur eine Sprache. Es ist vernakular. Und heute sprechen wir von vernakularer Literatur, Architektur oder Kultur im Allgemeinen. Damit ist alles gemeint, was einen authentischen Ausdruck darstellt - die informellen, alltäglichen Kulturformen, die von gewöhnlichen Menschen und nicht von Eliten geschaffen und gelebt werden.

Hat sich eine Frau also als Jüdin gesehen? Vielleicht. Aber wenn ihr Vernakular das Jiddische war, dann war sie ganz sicher eine jiddische Frau. Und darin liegt ein ganzes kulturelles Universum.

Und was ist mit „Wo:men“? Tja, wir machen es Euch dieses Jahr nicht gerade leicht, oder?!

Es ist ein wunderbares Spiel mit Buchstaben und Punkten, hinter dem sich Jahrhunderte einer oft recht harten sozialen Realität verbergen. Wir kennen viele Fälle, in denen Frauen sich als Männer ausgeben mussten, um in der (kulturellen) Welt voranzukommen. Am bekanntesten sind sicherlich jene, die männliche Pseudonyme annahmen, um als Autorinnen veröffentlicht zu werden. Aber es gibt auch Beispiele von Männern, die als Frauen auftreten mussten (z.B. auf Titelseiten), um in Frauenliteratur oder -magazinen gedruckt zu werden. Ganz zu schweigen von all jenen, die das Geschlecht ihrer Wahl nicht leben oder zum Ausdruck bringen konnten. Aber wir sehen auch, insbesondere in der Berufsgeschichte, dass die Grenzen oft verschwammen. Viele Bereiche, die angeblich Männern vorbehalten waren, wurden auch von Frauen eingenommen und umgekehrt.

Daher ist es nicht inklusiv, im Sinne unseres Verständnisses, nur von Frauen (women) zu sprechen. So werden wir den langen Jahrhunderten der Aushandlung von Geschlecht in der jiddischen Welt nicht gerecht. Mit dem Titel „Wo:men“ geben wir Frauen (women) und Männern (men) und allen, die sich diesen Kategorien entziehen, einen Raum.

Dr. Diana Matut, Mai 2026

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